Der Mond in der Bratpfanne

Von Manuel Jennen am 16.12.2009 18:39 Uhr

MÜNSTER „Eskimo“ ist ein Wort, das Schreibern Kopfzerbrechen bereitet. Es klingt nett, es ist aus tausend Kindergeschichten vertraut – doch irgendwo hat man gehört, dass es politisch nicht korrekt ist. Aber warum? Schauspielerin Ulrike Rehbein erklärt es so anschaulich, dass es die kleinen Zuschauer des Theaters „Tritrop“ in Münsters Meerwiese nicht mehr vergessen werden.

Ulrike Rehbein macht aus Schuhen Mäuse.

Foto: Emmerich

 

„Eskimo heißt: die, die rohes Fleisch fressen. Was ist denn euer Lieblingsessen?“ Die Fünfjährigen haben es vor Schreck vergessen. „Spaghetti?“, rät Rehbein. „Fischstäbchen“, ruft ein Mädchen. „Na siehst du!“, sagt die Schauspielerin. Und möchtest du ,die, die immer Fischstäbchen frisst‘ heißen?“ Das möchte niemand. „Also sagt man jetzt nicht mehr Eskimos, sondern Inuit. Das klingt lustig, hihi“

Kleine Machos

Aber so lustig geht es am Nordpol gar nicht zu. Denn die beiden Inuit-Jungen Enuki und Jonah streiten sich in Paul Maars Stück „Von Maus und Mond oder wer ist der Größte?“ ganz fürchterlich. Wer ist größer, wer ist stärker, wer ist der Ober-Macho? Die weise alte Leah hat zum Glück zwei lehrreiche Märchen parat, um den Jungs den Größenwahn auszutreiben.

Ulrike Rehbein und Regisseurin Carola von Seckendorff lösen hervorragend das Problem, ein Dutzend Personen in einem Eine-Frau-Stück unterzubringen. Rehbein jongliert mit Requisiten, dass es einem schwindelig wird. Der eitle Mond ist eine Bratpfanne, der dumme Hase eine Fellmütze, die starke Mauer ein T-Shirt und der Mausekönig ein Schuh mit einer Kaffeetasse als Krone. Dazu verstellt Rehbein wild die Stimme. Die kleinen Zuschauer aus der Kita lassen sich davon täuschen und schimpfen bedenkenlos mit der sprechenden Bratpfanne.

Elefanten am Nordpol?

Ob aber die weisen Botschaften von Liebe und Toleranz angekommen sind? Beim Hinausgehen beschäftigt die Kids etwas ganz anderes. Enuki und Jonah (zwei Fellhandschuhe) haben nämlich behauptet, dass es keine Elefanten gibt. Tiere mit so langen Nasen – lächerlich.

Das versetzt die kleinen Westfalen in Raserei: „Elefanten gibt es doch“, ruft ein Junge, „nämlich in Deutschland“. Zum Glück stapfte am Montag aber keiner durch Münster-Coerde, so dass das Publikum sicher nach Hause kam. 

 

Die Pfanne als Mond

Von Charlotte Plötzel - Westfälische Nachrichten

Münster - Ein größenwahnsinniger Mond, ein höflicher Hase, eine esoterische Sonne - und mitten drin die beiden Freunde Enuki und Jonah. Wo sie sich gerade befinden? In der Arktis natürlich, und mit dabei ist auch eine Polarforscherin, die in dickes Winterfell gehüllt und mit warmen Fäustlingen an den Händen durch den Schnee stapft.

Damit sind aber noch längst nicht alle Personen genannt, die an diesem Sonntag durch die Arktis stapfen: Mit dabei sind noch gut 20 Kinder und genauso viele Eltern, die sich zunächst als Zuschauer des neuen Theaterstücks vom Theater Tritrop wähnen, ehe sie sich plötzlich gemeinsam mit der Schauspielerin mitten auf der Reise befinden. Nach der Romanvorlage „Von Maus und Mond oder Wer ist der Größte?“ von Paul Maar ist ein wunderbares Stück entstanden, das die malerischen Worte und Anekdoten aus dem Leben der Inuit wiedergibt.

 Zunächst einmal heißt es „Anschnallen“, denn schließlich müssen alle großen und kleinen Expediteure erst einmal mit dem Flugzeug in die Arktis fliegen, ehe sie die dortigen Einwohner kennen lernen und die Landschaft bewundern dürfen. Nach einem holprigen Start befinden sich die Passagiere endlich in der Luft und bestaunen für einige Minuten die Welt von oben, ehe der Zeitraffer sie in die Arktis versetzt.

Und hier nun erwarten sie wundersame Dinge und packende Erzählungen: Die Polarforscherin ist nämlich nicht bloß Wissenschaftlerin und kann den Kindern etwas über die Natur und Kultur im ewigen Eis erzählen, sondern sie ist auch eine großartige Geschichtenerzählerin. Mit nur wenigen Hilfsmitteln zaubert sie ein ganzes Sortiment an Darstellern auf die Bühne: Die Blechpfanne ihres Kochsets hält als Mond her, eine Mütze mit langen Ohren verkleidet sie in einen Hasen, die Sonne wird durch eine gelbe Brille veranschaulicht, und der Fuchs tritt als Rucksack in Erscheinung.

Und wie es sich für Sagen und Legenden gehört, die in den folgenden 90 Minuten erzählt werden, geben sie natürlich auch viel Anlass zum Nachdenken: Nicht nur darüber, wie man messen kann, wer der Größte oder der Stärkste ist, sondern vor allem darüber, wie wichtig es überhaupt ist, dies zu wissen.

Dank der großartigen schauspielerischen Leistung von Ulrike Rehbein und des kreativen Bühnenbildes (Matthias Dietrich) ist es dem Theater Tritrop in der Inszenierung von Carola von Seckendorff gelungen, sowohl Jung als auch Alt viel Anlass zum Lachen zu bieten und dabei zugleich ein wenig zum Nachdenken anzuregen.