GEFANGENE BESUCHEN, Kultur der Barmherzigkeit

30.01.07 - Münstersche Zeitung

…der nächste Flur ist ellenlang. Dumpfes Licht. Türen. Schauspielerin Carola v. Seckendorff (Leitung) herrscht hier mit eisiger Miene. Schlüsselrasseln. Hinter jeder Tür sitzt jemand ein. Wolf D. wegen Mordes - Cosimo F. wegen gefährlicher Körperverletzung. Zwischen Klo und Waschbecken erzählen sie von sich. Gefangene besuchen: Ein Akt der Barmherzigkeit. „Möchten sie sich mal einsperren lassen?“ Seckendorffs Stimme ist Eis. Niemand will…. So intensiv wie „Gefangene besuchen“ ist keine Inszenierung mehr….

Dr. Kerstin Heil am 29.1.07 - Die Glocke

… „Gehen sie weiter, los! Gehen Sie! Rein hier!“ Gerade Carola v. Seckendorffs Regiedebut „Gefangene besuchen“ markiert mit Gänsehautqualität, was das Projekt ausmacht: Unentrinnbarkeit. Der Zuschauer kann sich nicht entziehen – den direkten Blicken, den stummen Schreien, dem lauten Schweigen. Er geht selbst durch die dunklen Gänge, geht in die Zellen, in denen die Menschen auf Pritschen sitzen. Er hört sie erzählen von den Problemen mit der Körperpflege und dem Heimweh. Von gelben Scheinen und der Schuld. Und er geht nach vier Stunden aus diesem Haus in der Hafenstraße und hat sie gespürt: die Notwendigkeit einer „Kultur der Barmherzigkeit“.

Lukas Speckmann am 29.1.07 - kirchensite.de

Tina ist schwarzgefahren. Nicht einmal, gleich mehrfach. Und sie hat sich mehrfach erwischen lassen. Jetzt sitzt sie im Knast. Wegen Schwarzfahren, neun Monate hat sie bekommen. Sie hockt oben auf ihrem schmalen Etagenbett und erzählt davon. Ohne große Gefühle, sehr zurückgenommen, sehr leise. Sie berichtet, dass ihre Familie sich von ihr abgewendet hat, dass der Freund sie sitzen ließ. Sie ist jetzt ein Knacki, weil sie keinen Fahrschein hatte. Und nebenan sitzt eine Mörderin…

Dieser Gefängnismonolog der Schauspielerin Tina Amon Amonsen ist von stiller Großartigkeit, ein beklemmender Höhepunkt der Inszenierung „Gefangene besuchen“. Zuvor war die Zuschauergruppe mit den blauen Abzeichen in den Flur im zweiten Stock geleitet worden. Hier führt Regisseurin Carola v. Seckendorff in grüner Uniform ein strenges Regiment: Die Büros auf der linken Seite sind Zellen, in denen sich die Gefangenen tummeln. Die Zuschauer dürfen eintreten, Platz nehmen und hautnah erleben, wie es sich anfühlt, zu zweit in einem acht Quadratmeterloch ausharren zu müssen. Und die Gefangenen erzählen ihre Geschichte – wenn sie sich nicht gerade auf einer Matratze in der Gummizelle winden, wegen Selbstmordgefahr. Hinter der gestrengen Aufseherin ist noch eine Tür, eine Zuschauerzelle: Wer will kann sich hier einsperren lassen, für ein paar Minuten, keiner will.

„Gefangene besuchen“ ist ein Akt der Barmherzigkeit. Und darum ist die gleichnamige Inszenierung das sinnfälligste Beispiel für dieses ungeheuer aufwändige und ungeheuer ehrgeizige Theaterprojekt „Kultur der Barmherzigkeit….